Unser Dauerblick nach Nordwesten

So., 30.11.25; Neukaledonien/Îlot Nouen, Tag 4.201

Wir sind wieder in der Lagune. Jetzt ist wettertechnisch die schönste Zeit des Jahres: selten Regen, kaum Wind und Badewannenwasser von 27 Grad. Einfach köstlich.

Weil das Wetter so ruhig ist, reicht uns diese Sandbank als Schutz.

Lagunenvergnügen

 

Vom Feinsten. Die Sandbank ist einfach herrlich!

Wir brauchen uns das Inselchen nur mit Vögeln zu teilen.

Allerdings gilt morgens unser erster Blick dem Wettergeschehen nordwestlich von uns.
Zyklone, die Einfluss auf Nouméa haben, entstehen fast ausschließlich in der Salomonensee, östlich von Papua-Neuguinea. Das ist ungefähr 2.000 Kilometer entfernt. Ein typischer westpazifischer Zyklon legt 300 bis 700 Kilometer pro Tag zurück. So ein Wirbel kann innerhalb von vier bis sechs Tagen vor der Tür stehen.
Diese Vorwarnzeit ist deutlich kürzer als zum Beispiel bei atlantischen Hurrikanen, die auf die Ostkaribik treffen. Dort muss ein Hurrikan bis zu 4.000 Kilometer Strecke machen.

Wind am 30 November 2025. Allesruhig zur Zeit. Bei Darwin gab es den ersten Zyklon der Saison vor ein paar Tagen. Verdammt früh! [Quelle windy]

Daher unsere Überlegung, dass wir uns nicht weiter als eine Tagesreise entfernt von der Marina wegbewegen wollen. Es gibt im Notfall einiges zu bedenken. Was sich an Deck von Atanga befindet, muss entweder demontiert oder sturmsicher verzurrt werden. Lässt man seinen Blick schweifen, kommt da einiges zusammen.
Zusätzlich soll man sich für sieben bis zehn Tage mit Lebensmitteln eindecken, da der Nachschub an Nahrungsmitteln unterbrochen sein kann. „Und haben Sie Bargeld im Haus“, wird empfohlen. Falls der Strom ausfällt.

Natürlich beschäftigt uns das Thema ‚Zyklon‘.
Die größte Zerstörungskraft eines Wirbelsturms hat nicht der Wind, sondern Sturmflut und Schwell. Neukaledonien ist fast vollständig von einem schützenden Barriere-Riff umschlossen. Ein Zyklon kann auf dem offenen Ozean Wellen von zehn Metern vor sich hertreiben. Schwerer Schwell kündigt meistens schon ein, zwei Tage vor dem Wind einen nahenden Sturm an.
Diese Monsterwellen überspülen das Barriere-Riff. Das Wasser kann nicht schnell genug über die natürlichen Pässe abfließen. Es staut sich in der Lagune. Es kommt zu einer Sturmflut. Der Wasserspiegel kann innerhalb der Lagune bis zu 1,5 Meter steigen. Dadurch, dass die Lagune so groß ist, hat der Wind eine schöne Anlauffläche. Normalerweise schaffen die Wellen selten eine Höhe von über zwei Metern. Bei einem Wirbelsturm sind an exponierten Lagen innerhalb der Lagune schon sechs Meter gemessen worden.
Trotzdem gut, dass das Riff existiert. Ohne würde Nouméa bei jedem mittleren Sturm schwer beschädigt.

Die Poller in der Marina haben bei normalem Hochwasser grade noch zwei Meter Luft. Zu viel ist das nicht. ;-)

Im Inland bringt die größte Zerstörung der Regen, den ein Wirbelsturm mit sich führt. Durch Überschwemmungen und Erdrutsche. Für unser schwimmendes Zuhause das kleinste Problem.
Der Wind hat zerstörerische Kraft. Jedoch nur punktuell. Meistens bleibt es bei abgedeckten Häusern und umgestürzten Bäumen. Die kleinste Gefahr für Menschenleben.

Wir selber haben schon einen Zyklon erlebt. Gabrielle in Neuseeland. Aug in Aug mit Gabrielle vor knapp drei Jahren.Bei der Entstehung war Gabrielle ein Zyklon der Kategorie 3. Als er auf Neuseeland traf,  war er bereits herabgestuft zu einem Tropensturm. Trotzdem waren die Auswirkungen in Neuseeland schwerwiegend:

  • Der Sturm verursachte Starkregen, der zu verheerenden Überschwemmungen, Erdrutschen und Sturmfluten führte.
  • Die neuseeländische Regierung rief den landesweiten Notstand aus – eine Erklärung, die in der Geschichte des Landes erst zum dritten Mal erfolgte.
  • Die Schäden waren massiv und betrafen ein Drittel der neuseeländischen Bevölkerung.

Gabrielle ist im Februar 2023 mit 400 Kilometern Abstand an Neukaledonien vorbeigezogen. Trotz dieser sicheren Entfernung war der Einfluss deutlich spürbar. Örtlich fielen über 80 mm Regen. Windböen von 120 km/h kamen in Nouméa an.

Zyklone in der Saison 2022 2023: Gabrielle hatte die rosafarbene Zugbahn. Fast immer entstehen die Zyklone, die Neukaledonien beeinflussen in der Salomonensee (seltener in der Coral Sea). [Quelle ‚Meteo France‘]

Im Augenblick ist alles ruhig und wir selber stellen für uns die größte Gefahr dar. :mrgreen:
Heute Morgen gab es im Salon einen kleinen Knall und im Anschluss ein knisterndes Geräusch. Beide hören wir es, können es aber nicht zuordnen. Achim wirft einen Blick nach draußen. Nichts. Auf einmal ruft er mir zu: „Riechst du das auch?“ Ich blicke mich um. Aus unserer Dreiersteckdose steigt eine kleine Rauchwolke. Zwei Geräte hängen gerade zum Laden dran. Ich ziehe schnell den Übeltäter von der Sitzbank. Achim schaltet geistesgegenwärtig den Inverter aus.
Nichts passiert außer angekokelter Plastikgestank. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn wir gerade draußen gewesen wären. :shock:

24

Nähmaschine trifft E-Gitarre: Der neue Bordsound

Montag, 24.11.25; Neukaledonien/Nouméa; Tag 4.195

Unsere Nähmaschine hatte ja den gerissenen Antriebsriemen (Atanga berichtete Eine Maschine in Menschengestalt). Vor Ort ist ein Ersatz nicht zu bekommen. In Deutschland war das kein Problem: Ein Nähmaschinen-Internetversand liefert innerhalb von drei Tagen für 40,00 Euro.
Unsere erstklassige Hilfe in der Heimat (Herzchen in den Augen) macht ein Päckchen fertig und schickt den Riemen nach Neukaledonien. Kostenpunkt 29,00 Euro :shock: für weniger als einhundert Gramm – ohne Tracking. Lieferzeit eine bis vier Wochen, je nachdem, wen man fragt.

Sieben Wochen nach dem Versand haben wir kaum noch Hoffnung.

Ich schreibe dem Zoll, der Post und DHL eine Mail. Alle drei Stellen antworten freundlich, aber niemand hat unser Päckchen gesehen. Ein weiteres Mal wollen wir nicht 69,00 Euro riskieren. Wir gehen vor Ort auf die Suche nach einer neuen Nähmaschine. Ein Kleingeräte-Geschäft bietet vier Maschinen zur Wahl. Unbekannte Marken, eher Kleidchen-Maschinen. Nichts dabei, was wir wollen.
In einem Stoffladen werden wir fündig. Zur Auswahl steht Singer oder Singer. Das Regal ist zwar leer, aber die Aussteller präsentieren acht verschiedene Maschinen. Drei ‚Heavy Duty‘-Maschinen darunter. Auf Nachfrage erfahren wir, dass sich die Maschinen beim Zoll befinden und in zwei Wochen im Geschäft stehen sollen.

Neun Wochen und drei Tage sind seit dem Versand des Ersatzriemens vergangen.

Die Maschinen stehen mittlerweile im Stoffladen. Die Singer „Cosplay 6335“ gefällt uns. Diese Maschine gibt es nicht auf dem europäischen Markt, aber ihr baugleiches Gegenstück erhält gute Bewertungen. Das überzeugt.

Neun Wochen und fünf Tage sind seit dem Versand vergangen.

Wir bekommen eine Vorführung unseres Wunschmodells. Wir sind angetan und schlagen zu. Die Maschinen kommen aus Australien. Einen Stecker-Adapter ‚Australien-Frankreich‘ legt das Geschäft standardmäßig gleich dazu. Französische Stecker sind ähnlich wie deutsche, damit können wir an Bord etwas anfangen.
Natürlich zahlen wir zu viel (567 Euro). In Neukaledonien zahlt man immer zu viel. In Neuseeland würde dieselbe Maschine 350 Euro kosten. Egal. Wir machen einfach von unserem neuen Lieblingssatz gebrauch: Das stellen wir Neuseeland in Rechnung.

Handhabung, Zubehör und erste Nähversuche begeistern mich. Die Neue macht richtig Spaß. Kaum, dass fünfzig Jahre zwischen der Produktion von zwei Nähmaschinen liegen, ist die Technik tatsächlich weiter gegangen.
Allein der Spulenwechsel! Alles geht auf einmal wie von selbst.

Die Alte mit der Neuen beim Probenähen – alles fein, eine tolle Maschine.

Zehn Wochen sind seit dem Versand vergangen.

Wir holen die alte Maschine aus ihrem Lagerplatz unter der Sitzbank im Salon. Die uralte Transportkiste unserer Pfaff 260 behalten wir. Die Singer findet gut Platz darin. Ich behalte noch den besseren Naht-Trenner und eine schöne Schachtel für die Spulen. Die alte Pfaff wandert in den Karton der Neuen. Achim schleppt das 15 Kilo schwere Teil zu den Mülltonnen. Uns blutet das Herz. Das war schon ein zuverlässiges Monster. Aber wir müssen uns trennen. Irgendwann geht uns schlicht der Platz aus.

An den Tonnen sieht man häufig Obdachlose, die nach Verwertbarem suchen. Daher hat es sich unter den Bootsbesitzern eingebürgert, brauchbare Dinge neben die Tonnen zu stellen.
Unsere Maschine ist nach zwei Stunden weg. Den kaputten Riemen haben wir auf die Maschine gelegt, um niemanden in die Irre zu führen. Als Ersatzteillager taugt die Maschine bestimmt noch. Irgendjemand wird das erkennen und so kommt das gute Stück noch zu seiner letzten Bestimmung.

Zehn Wochen und drei Tage sind seit dem Versand vergangen.

Achim schlendert kurz vor Feierabend am Marinabüro vorbei. „Atanga, Atanga, es ist Post für euch da!“ Das darf doch nicht wahr sein. Wir halten den Antriebsriemen in den Händen.
Wir beruhigen uns: „Jetzt bloß nicht verschütteter Milch hinterher heulen.“ Oder auch: „Es war ja nicht nur der kaputte Riemen. Das Biest hatte auch so seine Macken. Denk nur daran, dass das Fußpedal manchmal so komisch gesummt hat. Und nach langer Standzeit ist die Maschine von alleine losgelaufen. Ganz in Ordnung war sie ja nicht mehr …“.

Um nur drei Tage haben wir es komplett verhauen. :mrgreen:
Ich lasse mir von dem miesen Timing  meine Singer nicht vermiesen. Ich bin happy und habe gut zu tun. Reparaturen aller Art, neue Mückennetze für die Luken und Kissenbezüge stehen als erstes auf der Liste.

Und Achim? Achim versucht seit geraumer Zeit, Gitarrensoli zu spielen, die für seine Gitarren nicht geeignet sind. Sagt er zumindest. Zwei Bünde zu wenig, sagt er. Eine E-Gitarre wäre fein, träumt er vor sich hin. „Ist aber Quatsch“, räumt Achim von alleine ein.“ Zu groß. Dazu bräuchte der Verstärker auch noch Platz.“.
Sprach’s  – und wird im Internet fündig: eine Reise-E-Gitarre.  Ansprechend klein, aber hässlich wie die Nacht. Der Verkäufer ist bereit, zu uns aufs Boot zu kommen. Achim und er werden sich schnell handelseinig. Die unansehnliche Gitarre wechselt den Besitzer.

Es sind jetzt drei (in Worten drei) Gitarren an Bord, plus eine Ukulele. Langsam wird es eng. Uns geht der Platz aus.
Gelten für Gitarren Sonderregeln? Oder was ist hier los? Wer die Pfaff genommen hat, kann doch sicher auch noch eine Gitarre gebrauchen? :mrgreen:

Reise-E-Gitarre – die Verkaufsanzeige.
Wirklich sehr klein. Achim spielt ohne den Armaufsatz – das gefällt ihm besser. Ein Schnäppchen für 220 Euro – aber die Optik …

Tonstudio Atanga. Der Verstärker wird an die Gitarre angeschlossen. Nur Achim kann sich über Kopfhörer hören (über den Laptop gibt es noch Soundeffekte dazu. Das hat er sich fein ausgedacht).
Ich höre davon im Salon nur ein leises ‚Pling-Pling‘.

Es ist ja nicht so, dass die Instrumente nicht benutzt werden. Keine Showfotos.
Achim spielt immer hinten in der Achterkoje. An seinem Lieblingsplatz: schattig, aber nicht kühl.

52
1

Zyklon-Sicherung in der Marina

Dienstag, 18.11.25; Neukaledonien/Nouméa; Tag 4.189

Dass ein Zyklon in der aktuellen Saison Einfluss auf Neukaledonien haben wird, ist so sicher wie die tägliche Ebbe und Flut. Seit 1970 gibt es kein Jahr ohne Ereignis. Einige Jahre bescherten der Region sogar drei Systeme.
Die gute Nachricht: Die meisten der Zyklone treffen nicht direkt, sondern ziehen mehr oder weniger nah an Neukaledonien vorbei. Leider haben auch vorbeiziehende Systeme einen negativen Einfluss, aber nicht diesen verheerenden Verwüstungs-Charakter eines direkten Einschlags.

Die zweite gute Nachricht: In den letzten 55 Jahren gab es nur sechs direkte Treffer aufs Land. Davon einen in Nouméa, im Jahr 2003. Dieser Zyklon hieß Erica und sorgte für schlimme Verwüstungen. Windböen von 227 km/h trafen die dicht besiedelte Region und verursachten massive Schäden. Erica forderte Todesopfer und machte Tausende Menschen obdachlos. Der Name „Erica“ wurde vom Zyklon-Namen-Rotationsplan gestrichen, was die Schwere des Ereignisses unterstreicht.

Mit diesem Wissen beobachten wir gespannt die Zyklonmaßnahmen in der Marina. Die jährlichen Wartungsarbeiten des ausgeklügelten Mooring-Systems stehen an. Die Mithilfe und Anwesenheit der Bootsbesitzer ist gewünscht, so dass richtig Betrieb in der Marina herrscht.

Fast alle Boote sind besetzt, um zu helfen. Wo keiner an Bord ist, springen die Marineros ein.

An jedem Liegeplatz führen zwei Pilotleinen zu Mooringleinen, die in fünf Meter Tiefe im Hafenschlamm liegen. Achtung! Ein dicker Bewuchs hat sich in einem Jahr angesammelt. An der dünnen Leine zieht Achim, um die Mooring zu bergen. Auch die Mooringleinen sind stark bewachsen, aber nur auf der Länge der Wassertiefe. Der Teil, der im Schlamm liegt, ist sauber.

An der Pilotleine zieht man die Mooring nach oben …

… die Mooring wird auf die Heckklampe geführt.

Diese Tampen – 18 mm stark  – werden auf den hinteren Klampen der Boote belegt. Über Kreuz (zur Nachbar-Mooring) führen sie quer durch die Boxengasse zum gegenüberliegenden Steg.

Jeweils über Kreuz verlaufen die Moorings der nebeneinander liegenden Schiffe auf den gegenüberliegenden Steg.

Unter jedem Steg liegt eine dicke Kette. „Wie dick ist dick?“, frage ich Pierre, der diese Ketten gesehen hat. Er zeigt die Größe eines Fußballs an. „Die sind richtig fett. Zusätzlich sind sie am Ende der Stege mit Erdankern am Hafengrund befestigt“. Erst vor vier Jahren wurden diese Ketten ausgetauscht, als die Stege in der Marina verlängert wurden. Am Ende der Stege wurden neue Pfähle mit einer 600-Tonnen-Barge in den Boden gerammt.

Ein Team von acht Tauchern springt ins Wasser um alle Mooringleinen, die jetzt schweben, abzustauchen. Liegen sie richtig über Kreuz? Gibt es Beschädigungen? Sind die Befestigungen okay? Während der Aktion darf niemand in die Boxengasse fahren. Ein Begleitfahrzeug passt auf, dass weder Taucher noch Leinen geschreddert werden.
Nach der Kontrolle werden die Mooringleinen von der Klampe am Boot abgetüdelt und versinken wieder im Schlamm. Der normale Marinabetrieb kann weitergehen.

Die Mooring wird am Heck vom Boot befestigt. Wo keiner an Bord ist, hilft auch der Taucher mit.

Die quer über die Boxengasse verlaufenden Moorings werden alle von Tauchern begutachtet.

Marina Moselle von oben (foto credit Google maps).
Die roten Linien stelken die Moorings dar. Jeweils zwei Stück werden am Heck eines Bootes befestigt. Die Enden der Moorings sind an der Kette befestigt, die sich unter dem gegenüberliegenden Steg befindet.

Im Falle einer Zyklonwarnung wird genauso verfahren, dass die Boote an den Mooringleinen festgemacht werden. Zusätzlich sind am Steg zwei weitere Vorleinen auszubringen. Diese müssen bei unserer Schiffsgröße mindestens 16 mm betragen. Dann wird das Schiff zwei Meter vom Steg abgerückt, Richtung Boxengasse. Alle Leinen werden stramm durchgesetzt. Unbedingt ist noch darauf zu achten, dass die Masten der ausgerückten Schiffe versetzt zueinander stehen. Die Marina versucht, dies durch die Belegung der Boxen mit 12-Meter-Booten im Wechsel zu 14-Meter-Booten zu fördern. Unser Nachbar Phillipp beteuert eindrücklich, dass die Masten wie verrückt schwingen sollen. Aber er ist, wie alle anderen, mit denen wir sprechen, sehr tiefenentspannt: „Hier sind wir alle sicher. Und es passt sowieso jeder auf jeden auf, dass alle Schiffe gut gesichert und vertäut sind.“

Die Vertäung der Boote im Falle eines Zyklons – alle Boote rücken zwei Meter vom Steg ab. Zusätzlich sind zwei weitere Vorleinen auszubringen.

Blau: der normale Zustand der Mooring – sie liegt ungenutzt im Schlamm. Rot bedeutet, dass eine Zyklonwarnung besteht. Die Moorings werden hoch gezogen ans Heck der Schiffe. Beide Zeichnungen stammen aus der Marina-Broschüre.

Wer während eines Zyklons nicht auf seinem Schiff bleiben mag, kann im Rathaus oder im Marinagebäude Schutz aufsuchen. Und ein paar Gebete können sicherlich auch nicht schaden.

Die Hauptgefahr eines Zyklons besteht im Januar bis März, wenn die Wassertemperatur am höchsten ist. Genau wie ein Hurrikan braucht ein Zyklon eine Wassertemperatur von 27 Grad oder mehr – allerdings muss diese Temperatur bis in eine Tiefe von 40 bis 50 Meter vorherrschen.
In den letzten vier Wochen ist die Temperatur in der Lagune rasant gestiegen. Zumindest in zwei Meter Tiefe: Anfang Oktober keine 24 Grad, Anfang November 27,7 Grad.
Von uns aus braucht das nicht so weiter gehen.

Versichert ist Atanga übrigens im Fall eines Zyklons nicht. Schiffsversicherungen sind schlau und schließen jede Haftung bei Stürmen mit Namen aus (es sei denn man befindet sich auf hoher See). Sollten wir also einen Zyklon erleben, so wäre doch Sturm ‚ohne Namen‘ eine gute Idee.

Marina Moselle. Die Einfahrt ist sehr schmal. Gut geschützt gegen den Schwell, den ein Zyklon mit sich bringt. Es heißt, der Schwell sorgt an Booten für mehr Zerstörung als der Wind. Daher die Idee der Spinnennetz-Verspannung der Moorings. (foto credit: newcaledoniasuperyachtagent)

50

Flaute

Dienstag, 11.11.25; Neukaledonien/Îlot Maître; Tag 4.182

Glücklich machende Flaute. Am Anker oder Mooring hängend, ist es am schönsten bei Flaute. Die Welt ist plötzlich lautlos, nur ein leichtes Gluckern gegen den Rumpf ist zu hören. Das Wasser ist nicht einfach nur glatt, es ist ein spiegelndes, tiefgrünes Glas. Zwar treiben die Schiffe dann häufig wirr durcheinander und es kann auch schon mal zu Berührungen kommen, wenn eng geankert wird.
Aber das glatt gezogene Wasser – himmlisch.

Dieser Kahn schwimmt unbewohnt neben uns – eine Berührung könnte das Sinken von Schrotti zur Folge haben. ;-)

Training mit dem Ausleger-Kanu – bei Flaute ein großes Vergnügen.

Erstmal abkühlen. Die Wassertemperatur hat jetzt 26 Grad erreicht.

Wir fahren nicht weit. Müssen wir auch nicht. Bereits vor der Haustür der Marina zeigt die Lagune, was sie kann. Besonders bei Flaute.

Der Supermond im November sorgt für eine extrem hohe Flut. Der Strand auf der Ostseite von Îlot Maître verschwindet komplett. Dies bietet uns eine Erscheinung, die wir noch nie gesehen haben. Tausende weiße Inselchen treiben auf der Wasseroberfläche.

King-Tide. Die höchste Flut im Jahr 2025 durch den November-Super-Mond.

Schwimmende Blüten? Unser erster Gedanke.

Ein „mikroaerodynamisches und hydrostatisches Auftriebsphänomen“, wie es wissenschaftlich heißt. Auf Deutsch: ein schwimmender Strand. Erst denken wir, dass es sich bei den weißen Flecken auf der Wasseroberfläche um Blütenblätter handelt. Bei Berührung mit dem Paddel rieseln die Blütenblätter zu Boden. Dann erkennen wir, dass es sich um schwimmenden Korallensand handelt. Pure Magie.

Die ungewöhnlich hohe Flut hat den stark ausgetrockneten Sand oberhalb der normalen Flutkante erreicht. Luft ist im trockenen Sand eingeschlossen. Wenn das Wasser langsam aufsteigt, wird diese Luft verdrängt. Gleichzeitig lösen sich Korallenpartikel und durch die Oberflächenspannung und eingeschlossene Luftblasen können große Sandfladen plötzlich schwimmen.  Voila! Und schon hat man einen ‚Sand raft‘ oder auch ‚bubble-lifted sediment layer‘ genannt.
Mutter Physik wieder voll bei der Arbeit. ;-)

Der Korallensand schwimmt. Sobald wir die Oberflächenspannung zerstören, ist der Zauber vorbei.

Und die Schildkröten. Meistens hauen sie ab, wenn sie den Schatten von unserem Kajak sehen. Wir könnten auch ein Hai sein. Aber einige passen nicht auf … wir kommen nahe heran.

Hunderte Schildkröten. Zeitweise schwimmen sie übereinander in zwei Etagen im flachen Wasser.

Für weitere Abwechslung sorgt die SNS 163 Nautile. Erst sehen wir sie ‚rot‘ schießen in der Abenddämmerung. Ungefähr zehn Raketen werden verschossen. Am nächsten Morgen machen sie neben uns an einer Mooring fest. Mann-an-Bord-hieven-Manöver werden mit verschiedenen Hilfsmitteln geübt. Gut zu wissen.
Ähnlich wie die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger ist auch die SNSM (Société nationale de sauvage en mer [nicht nur wir Deutsche können sperrige Namen kreieren … ;-) ]) eine gemeinnützige Rettungsorganisation. Sie besteht allerdings fast vollständig aus Freiwilligen: Kapitäne, Mechaniker, Funker und Sanitäter. Die Finanzierung erfolgt über Spenden, Mitgliedsbeiträge und staatliche Zuschüsse.

Es wird ‚rot‘ geschossen. Zunächst ein Schreck bei der ersten Rakete. Aber nur eine Übung.

Nautile. Es kommen Rettungsnetzte und Seilzüge zum Einsatz.

Fünf Flautentage werden uns geschenkt. Morgen kommt der Wind zurück. Schade.

52

Veränderte Bedingungen

Dienstag, 04.11.25; Neukaledonien/Nouméa; Tag 4.175

Wir müssen zehn Tage warten, dann bekommen wir unseren festen Liegeplatz für die nächsten Monate zugeteilt. Dass wir überhaupt einen bekommen, verdanken wir unserem kurzen Schiff. Als wir Atanga vor 16 Jahren gekauft haben, waren 42 Feet Länge noch viel. In Dänemark mussten wir bei 4 Meter Breite häufig die Dalben auseinander drücken, um dazwischen zu passen.
Das hat sich geändert. Atanga bewegt sich inzwischen im unteren Längen-Viertel. Was für ein Glücksfall bei der Vergabe der Liegeplätze. Unter den zehn Katamaranen, die auf der Warteliste stehen, werden Liegeplätze verlost.
Wie die Sicherheits-Maßnahmen in der Marina ablaufen, falls sich ein Zyklon nähert, erfahren wir in zwei Wochen. Dann finden die jährlichen Wartungsarbeiten an Sicherungs-Moorings statt.

Dieser Platz gehört nun uns. Für die nächsten sechs Monate. Wir können in die Lagune segeln, wenn wir wollen. Ohne Abmeldung dürfen wir kommen und gehen. Der Nachteil, wir müssen den Liegeplatz auch bezahlen, wenn wir uns nicht in der Marina aufhalten. Mit einem großzügigen Monatsrabatt kommen wir ganz gut dabei weg (30 Euro für einen einzelnen Tag – 17 Euro im Monats-Abo).
Die Mehrkosten, die entstehen, stellen wir einfach Immigration Neuseeland in Rechnung. :mrgreen:

Reihenschiff-Siedlung. Viele Schiffe sind bewohnt, allerdings keine Ausländer wie wir.

Auf diesem Platz haben wir schon  vor ein paar Wochen gelegen. Kennen die Nachbarn.
Das ist nun unser Liegeplatz für das nächste halbe Jahr – Phillipp neben uns wohnt nicht auf dem Schiff – ist aber am Wochenende immer für ein Schwätzchen zu haben.

Unsere Entscheidung, Neuseeland doof zu finden (die falsche Behauptung über Achims Visum wurde noch nicht zurückgenommen. Auch dem Storno unseres Visums fehlt die Bestätigung – man ahnt förmlich, dass wir mit Employee 50.496 noch nicht fertig sind), bringt veränderte Bedingungen mit sich.

Das Beste ist, wir brauchen nicht nach Neuseeland segeln. ;-) Tausend Meilen direkte Strecke, dabei 300 Meilen nach Ost gutzumachen, wäre vielleicht nicht so schön geworden. Das ist Geschichte, Schwamm drüber.

Der meistgesprochene Satz die letzten Wochen lautete: „Das besorgen wir dann in Neuseeland.“ Der Euro-Dollar-Kurs stünde gut für uns. Über zehn Prozent Verfall, seitdem wir dort gewesen sind. Ein paar Schönheitsreparaturen standen auf der Liste. Eine neue Membran für den Wassermacher. Ein neuer Laptop für Achim, vielleicht neue Handys für uns beide. Neuseeland ist mit dem schlechten Dollarkurs ein Einkaufsparadies.
Das sieht vor Ort anders aus. Nicht nur, dass es nicht alles gibt. Das, was vorhanden ist, kostet zwanzig bis vierzig Prozent Aufschlag. Und wer will schon eine Tastatur mit ‚Azerty‘?
Man kann sich auch nicht einfach etwas schicken lassen. Alle Lieferungen über SVB, Temu oder Alibaba müssen über einen Zollagenten abgewickelt werden. Elf Prozent Einfuhrumsatzsteuer plus Zoll von bis zu 20 Prozent machen jedes Schnäppchen kaputt. Unser neukaledonisch-französischer Nachbar hat sich einen Speedy-Stitcher – eine Art Handnähmaschine für Segelreparaturen – von einem Kumpel aus Australien mitbringen lassen. Ein Artikel, der fünfzig Euro kostet.
„Anders geht es nicht“, sein trockener Kommentar.

Unsere australischen Vorräte der Besonderheiten wie Nüsse, Sonnenblumenkerne und Roggenmehl sind aufgebraucht. Es gibt einen Bio-Laden im Zentrum. Roggenmehl ja, Sonnenblumenkerne nein. In Laufweite haben wir drei Supermärkte. Keiner hat Rosinen. Wir erweitern unsere Runde auf die Außenbezirke. Neun Kilometer später hat der Einkaufs-Marathon Erfolg. Die Sonnenblumenkerne sind wieder aufgefüllt.
Die Fahrräder auszupacken, dazu konnten wir uns noch nicht durchringen. Die Marina ist umzingelt von steilen Bergen. Dort müssten wir in jedem Fall schieben.

Einer der besseren Supermärkte auf unserem Rundgang.

Der Supermarkt bei uns um die Ecke. Der ist brauchbar, aber schwankend im Angebot. Immer mal wieder gibt es etwas überhaupt nicht zu kaufen.

Auf unserem Weg durch die Stadt finden wir diesen Pizza-Automaten. In drei Minuten fertig – pfui.

 

Hinter der Wasserfront wird es steil – überall stehen solche Berge rum – kein Fahrradparadies.

Aber wir haben die Lagune vor der Tür. Die Wassertemperatur steigt kontinuierlich an. Herrliche Badefreuden erwarten uns. In ein paar Tagen geht es raus. Wer braucht da schon Rosinen?

62